Berichte Landesverband
„Wir brauchen eine echte Willkommenskultur“

Das Land Brandenburg sucht Fachkräfte: auch aus dem Ausland.

Dazu gehen aktuell drei Modellvorhaben an den Start. Doch es geht nicht nur darum, Menschen aus dem Ausland anzuwerben. Wir müssen die Menschen auch mitnehmen, fordert LIGA-Vorsitzender Andreas Kaczynski gemeinsam mit Andrea Asch, Vorständin beim Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V.. Ailine Lehmann vom DRK Potsdam und Eva-Maria Dressler von der Lafim-Diakonie berichten, wie das in der Praxis aussieht.

Menschen aus 41 verschiedenen Ländern arbeiten bei der Lafim-Diakonie für Menschen im Alter. Zum Teil sind diese extra für die Arbeit aus fernen Landen gekommen, zum Teil sind es aber auch Menschen mit Fluchthintergrund. „Wie haben zwei Hauswirtschaftskräfte angestellt, eine aus Eritrea und eine aus dem Senegal“, erzählt Geschäftsführerin Eva-Maria Dressler. „Frauen, die in ihren Herkunftsländern noch nie gearbeitet haben, das aber hier in Deutschland gern möchten. Das sind Frauen, die wir perspektivisch, step by step, als Pflegefachkraft weiterentwickeln wollen. Sie müssen aber die Sprache noch besser lernen, bevor sie mit der Pflegeausbildung beginnen können.“

Potential von 40.000 Arbeitskräften

Ein weiter Weg. Aber einer, der sich lohnt, ist Dressler überzeugt. Im Land Brandenburg fehlen bis 2030 rund 44.000 Pflegekräfte. In den Gesundheits- und Sozialberufen, im Bereich Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege ist die Fachkräftelücke bereits täglich und zum Teil dramatisch spürbar. Das Fehlen von Arbeitskräften in diesen Bereichen hat unmittelbare Auswirkungen auf alle anderen Branchen: Ist das Angebot an Gesundheits- und Pflegedienstleistungen und in der Kinderbetreuung eingeschränkt, führt dies zu Ausfällen des Personals auch in anderen Berufsfeldern.

Dabei gibt es ein Potenzial von rund 40.000 in Brandenburg lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte, die als arbeitssuchend gelten. Die Erfahrung zeige, dass diese Menschen arbeiten wollen, sagt Diakonie-Vorständin Andrea Asch. Besonders in Brandenburg gebe es aber Nachholbedarf in Punkto Arbeitsmarktintegration. „64 Prozent der geflüchteten Menschen aus Syrien sind bundesweit erwerbstätig. In Brandenburg liegt die Quote bei 27 Prozent“, führt Asch beispielhaft an. Sie fordert eine Landeskoordinierungsstelle, die sich um die Integration der Menschen in den Arbeitsmarkt kümmert, die Betrieben und Arbeitskräften hilft und insbesondere den Erwerb der Sprachkompetenz koordiniert. Rund eine Million Euro seien dazu nötig. Das Geld sei gut angelegt, so Asch. „Das ist eine win-win-Situation. Kommen die Menschen in Arbeit, sind weniger Unterstützungsangebote nötig, es fließt Geld in die Steuerkassen und Sozialversicherungen.“

Weniger Bürokratie, mehr Herz

Ailine Lehmann vom Kreisverband Potsdam/Zauche-Belzig, hat in ihrer Einrichtung philippinische Fachkräfte beschäftigt. Die Bürokratie in Deutschland stoße oft auf Unverständnis, erzählt sie. „Bei einem der Mitarbeiter vergingen drei Monate, bis die Anerkennungsurkunde nach der Prüfung einging. In der Zeit konnten wir den Kollegen nur als Hilfskraft beschäftigen und er hat weniger verdient. Das war sowohl für ihn als auch für uns kein guter Zustand.“

In ihrer Einrichtung laufe die Integration der Mitarbeitenden vor allem ehrenamtlich. „Die deutschen Fachkräfte haben ihre Kollegen im Alltag unterstützt, sind mit ihnen zu Ämtern gefahren, helfen bei der Wohnungssuche“, so Lehmann. Hier kann eine Koordinierungsstelle wertvolle Hilfe leisten und das bestehende Personal entlasten.

Eva-Maria Dressler hat trotz Engagement der Kollegen die Erfahrung gemacht, dass Fachkräfte aus Vietnam, die sie für die Ausbildung in ihre Einrichtung geholt hat, schließlich abgebrochen haben. „Die Leute fühlen sich nicht heimisch hier.“ Neben den fehlenden Sprachkenntnissen sei das eines der Hauptprobleme.

Mehr Sprachkurse und Koordinierung, Bürokratieabbau, eine echte Willkommenskultur – das sind die zentralen Faktoren bei der Integration ausländischer Menschen in den Arbeitsmarkt. Andreas Kaczynski fordert die Politik auf, sich mehr für eine Willkommenskultur in Brandenburg zu engagieren und die Demokratie zu verteidigen. „Das ist ein Standortfaktor. Ohne zugewanderte Menschen werden wir nicht mehr wettbewerbsfähig sein in Zukunft, da uns die Leute fehlen“, bringt er es auf den Punkt.

Die Landesregierung hat jetzt im Koalitionsvertrag verankert, Arbeits- und Fachkräfte aus dem Ausland gezielt anzuwerben. Drei Modellvorhaben sind aktuell geplant: zwei Projekte im Bereich der gewerblichen Wirtschaft - ein regionales Projekt in der Lausitz und ein Projekt im Kontext eines künftigen Ansiedlungsvorhabens. Ein drittes soll dem Gesundheitsbereich und der Anwerbung von Pflegefachkräften gewidmet werden. Und wer weiß – mit der richtigen Willkommenskultur werden die Menschen vielleicht sogar bleiben.

Hintergrund

Fachkräfteanwerbung der Landesregierung

Am 7. Mai hat die Landesregierung ein Konzept zur Fachkräfteanwerbung für Brandenburg beschlossen. Damit wird der internationale Arbeitsmarkt verstärkt in den Fokus gerückt. Das Modellprojekt zur Anwerbung im Gesundheitsbereich wird in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium initiiert und greift ebenfalls auf die bereits bestehenden Unterstützungsstrukturen zu. Am 13. Juni.2024 wird eine Informationsveranstaltung für Unternehmen in der Lausitz stattfinden.

In Brandenburg sind derzeit rund 89.000 Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, darunter rund 97.000 aus anderen Ländern, die heute ein fester Bestandteil auf dem Arbeitsmarkt sind. Abhängig von der weiteren Zuwanderung aus dem Ausland schätzt die Landesregierung, dass bis zum Jahr 2023 die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Brandenburg um bis zu 170.000 zurückgehen wird.

Das Konzeptpapier „Fachkräfteanwerbung für Brandenburg“ der Landesregierung finden Sie hier

Katja Wolf

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