04. Mai 2021 Berichte Landesverband
Dokumentation Fachtag „Kontakt halten“

Erfahrungsaustausch Kinder- und Jugendhilfe in der Corona-Pandemie

Am 4. Mai 2021 nutzten ca. 90 Fach- und Führungskräfte der Kinder- und Jugendhilfe den Online-Fachtag, um sich digital zu den Folgen der Corona-Pandemie auszutauschen. Im Fokus standen insbesondere die Diskussion der Auswirkungen der Pandemie auf Kinder, Jugendliche und deren Familien sowie die Reflexion der in der Pandemiezeit entwickelten Arbeitsweisen.

Die Veranstaltung wurde von der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Kooperation mit dem Kinder- und Jugendhilfe Landesrat, dem Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung des Landes Brandenburg und dem Fachverband Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit Brandenburg organisiert.

In der Auswertung des Fachtages zieht die LIGA folgende Schlussfolgerungen im Hinblick auf notwendige gesellschaftliche und fachpolitische Weiterentwicklungen.

Die komplette Dokumentation inklusive des Programms und Vorträge finden Sie unter diesem Artikel zum Download.

 


 

» Rechte und Interessen von Kindern und Jugendlichen bei allen politischen Entscheidungen berücksichtigen

Expert*innen diverser Arbeits- und Forschungsbereiche kommen übereinstimmend zu der Einschätzung, dass Kinder und Jugendliche von der COVID-19-Pandemie und den behördlichen Eindämmungsmaßnahmen besonders betroffen sind. Die aktuellen Debatten über die notwendigen Maßnahmen wurden jedoch nahezu vollständig aus der Perspektive von Erwachsenen – Virologen getroffen.
Im Rahmen der JuCo-Studien des Forschungsverbundes „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ der Universitäten Hildesheim und Frankfurt November gaben knapp 60% der befragten Jugendlichen an, den Eindruck zu haben, die Situation junger Menschen sei Politiker*innen nicht wichtig. Fast 65 % teilt sogar die Einschätzung, dass die Sorgen junger Menschen in der Politik nicht gehört werden.

Handlungsbedarfe:

  1. Bei allen zukünftigen Entscheidungen zur Pandemieeindämmung, die immer eine Abwägung zwischen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten darstellen, sind die Auswirkungen und Folgen für Kinder und Jugendliche zu berücksichtigen und diese gleichberechtigt mit in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen!
  2. Akteur*innen aus Politik und Verwaltung müssen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufnehmen und halten, um deren Interessen ernsthaft in Politik und Gesellschaft zu berücksichtigen.
  3. Um die Beteiligungs- und Mitspracherechte von Kindern und Jugendlichen verbindlich zu sichern, müssen (digitale) Beteiligungsstrukturen befördert und eine starke Kinder- und Jugendpolitik auf Kommunal- und Landesebene etabliert werden.
 
» Sicherung, Qualifizierung und konzeptionelle Weiterentwicklung der Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe hat ihre Systemrelevanz für das Aufwachsen von Kinder- und Jugendlichen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Fast alle Angebote und Einrichtungen waren durchgängig für ihre Zielgruppe erreichbar und zeigten eine bemerkenswerte Flexibilität und viel Innovationskraft bei der Anpassung von Leistungsstrukturen und Konzepten.
Alternativen der digitalen Leistungserbringung waren und sind in ihrer Refinanzierung mitunter jedoch nicht anerkannt, bzw. zum Teil nicht gesichert. Aktuell fehlen Konzepte und Qualitätsstandards für professionelle digitale / hybride Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Handlungsbedarfe:

  1. Die systemrelevanten Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe müssen erhalten, ausgebaut und weiterentwickelt werden!
  2. Professionelle Ansätze der digital(en) (unterstützten) Kinder- und Jugendhilfe („hybride Konzepte“) sind unter Beteiligung von jungen Menschen zu etablieren.
  3. Qualitätssicherungs- und Finanzierungsinstrumente sind hinsichtlich der Anerkennung von Maßnahmen in (teil)digitalisierten Formaten anzupassen.
  4. Zur digitalen Ausstattung ist ein Digitalpakt für „Kinder- und Jugendhilfe“ notwendig.
  5. Hinsichtlich einzusetzender digitaler Tools sollten kooperative Lösungen zwischen freien und öffentlichen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe abgestimmt werden.
  6. Zur Beförderung der digitalen Kompetenz sind Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen für alle Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe zu sichern und die Ausbildungscurricula anzupassen.
  7. Notwendig ist ein zeitgemäßer, lebensweltorientierter Jugend(medien)schutz für Heranwachsende, der zum Schutz von jungen Menschen vor allem auch die Betreiber*innen von digitalen Plattform in die Verantwortung nimmt.
 
» Zukunftsperspektiven für Jugendliche schaffen - Chancengerechtigkeit fördern

Viele Jugendliche fürchten aktuell um ihre gesellschaftlichen und beruflichen Zukunftschancen. Insbesondere junge Menschen aus sozial schwachen Verhältnissen sind in Pandemie-Situationen noch gravierender von Ausgrenzung und Benachteiligung betroffen und konnten aufgrund fehlender technischer Voraussetzungen oft nicht mit digitalen Unterstützungsformaten erreicht werden.
 

Handlungsbedarfe:

  1. Das Ziel der Landesregierung, sich bundespolitisch für die Erarbeitung und Umsetzung eines umsetzungsfähigen Gesamtkonzepts der Länder zur Etablierung einer Kindergrundsicherung einzusetzen, muss jetzt mit Priorität umgesetzt werden.
  2. Im Sinne der Chancengerechtigkeit sind vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien in ihren digitalen Kompetenzen zu fördern und mit den notwendigen technischen Voraussetzungen auszustatten.
  3. In den Schwerpunkten Zukunfts-, Bildungs- und Berufsberatung sind sozialräumlich vernetzte Beratungsangebote und gute Kooperationsstrukturen zwischen Jugend(sozial)arbeit, Berufsbildung und -beratung, Schulen, Behörden und Wirtschaft notwendig.
 
» Zeitnahe professionelle, interdisziplinäre Reaktion auf die psychosozialen Folgen und Weiterentwicklung der Beratungs- und Unterstützungsangebote

Die psycho-sozialen Folgen der Pandemie und der aus ihr resultierenden Kontakteinschränkungen in Bezug auf die biografisch wichtigen Aufgaben der Selbsterkundung im Jugendalter und der stark ausgebremsten gesellschaftlichen Positionierung werden ausgeblendet. Durch Studien festgestellt sind jedoch:
- Die Zunahme psychosomatischer Beschwerden, depressiver Symptome sowie von Sorgen und Ängsten unter Kindern und Jugendlichen
- Eine Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens infolge ungesünderer Ernährung und deutlich weniger Bewegung, da z.B. Schul- und Vereinssportangebote fehlen
 

Handlungsbedarfe:

  1. Es müssen niedrigschwellige, interdisziplinär-sozialräumlich vernetzte Beratungs- und Unterstützungsstrukturen etabliert werden, die die Schwerpunkte psychische Gesundheit und Resilienz fokussieren. Dabei sind die Jugendarbeit und Jugend(sozial)arbeit mit ihren Kompetenzen in den Bereichen Erst- und Vermittlungsberatung zu stärken und gezielt einzusetzen.
  2. Notwendig sind sozialräumlich abgestimmte Konzepte, um insbesondere Kinder aus Risikofamilien zu unterstützen und ihre seelische Gesundheit zu stärken. 
 
 
» Bildungsangebote interdisziplinäre ausbauen und bedarfsgerecht weiterentwickeln

In Folge der Schulschließungen sind die Bildungsaufgaben in der Kinder- und Jugendhilfe, vor allem in den Angeboten der Hilfen zur Erziehung, massiv gestiegen. Unverändert ist dieser Bildungsauftrag aus den folgenden Gründen nicht gut leistbar:
- unzureichende Personalausstattung
- mangelhafte materielle Ausstattung mit Lern- und Bildungsmaterialien, sowie geeigneter Technik
- fehlendes Wissen bei den Fachkräften der Hilfen zur Erziehung (Didaktik und Inhalte)
- fehlende Zeitressource für aktive Kooperation zum System Schule und fehlende Kooperationsbereitschaft seitens des Schulsystems

Insbesondere Kinder und Jugendliche in den stationären Hilfen sind infolge der Pandemie noch stärker von Bildungsbenachteiligung betroffen, da viele Einrichtungen unverändert nicht über die ausreichende technische Ausstattung und oft über unzureichende Netzanbindung verfügen.
Die Schulsozialarbeit hatte überwiegend keinen Zugang zur Brandenburgischen „Schulcloud“, wodurch Kontaktaufnahme, Beziehungsarbeit und Beratungsleistungen erschwert und eingeschränkt wurden.
 

Handlungsbedarfe:

  1. Kinder- und Jugendhilfe muss mit den ausreichenden Personal- und Sachressourcen ausgestattet werden, um ihren Bildungsauftrag umsetzen und so durch non-formale Bildungssettings für Chancengerechtigkeit sorgen zu können.
 
            Mirjam Deponte

            Referentin Kommunikation und Information

            Landesgeschäftsstelle

            Tornowstraße 48
            14473 Potsdam

            Tel. 0331 | 28497 - 64
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